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BESPRECHUNG
PERRY RHODAN


Perry Rhodan

Perry Rhodan Nr. 680
H. G. Francis:
Strafplanet der Eroberer


Sie waren berühmte Wissenschaftler – jetzt sind sie Sklaven auf der Gefängniswelt

Pabel-Moewig, September 1974

Titelbild: Johnny Bruck
(c) Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt

 

Im Jahr 3460 haben die Laren die Galaxis erobert, Leticron beherrscht als "Erster Hetran" die Milchstraße, und die Erde ist aus dem Solsystem verschwunden. Auf dem Planeten Watsteyn gibt es ein Gefangenenlager, in dem terranische Wissenschaftler zur Zwangsarbeit gezwungen werden, bewacht von Robotern und so genannten "Überschweren", kaum zu überwindenden Kolossen, die an Planeten mit einer Gravitation doppelt so hoch wie die der Erde gewöhnt sind. Das Lager ist umgeben von undurchdringlichem Buschland und gefährlichen Raubechsen. Währenddessen schmiedet irgendwo im Weltraum Lordadmiral Atlan in seinem geheimen Hauptquartier Pläne gegen die Laren. Dazu benötigt er zwei Transmitterspezialisten, die auf Watsteyn gefangen gehalten werden. Um sie zu befreien, schickt er seinen besten Mann: den narbengesichtigen "galaktischen Spieler" Ronald Tekener, der wegen seines gefährlichen Lächelns auch "the smiler" genannt wird. Nur eines könnte Tekener im Weg stehen: Inzwischen setzen die gefangenen Wissenschaftler einen eigenen Fluchtplan in die Tat um.

Schon das phantastische Titelbild von Johnny Bruck macht Lust, das Heft zu lesen: Ein Mann liegt im Staub am Boden, über ihm ein schwarzer Riese, der ausholt ihn auszupeitschen. Das ist Pulp Fiction! Die seltsamen Gebäude im Hintergrund und die gelbe Färbung des Himmels deuten an, dass die Geschichte auf einem fremden Planeten spielt. Titel und Untertitel verraten, dass es sich tatsächlich um eine "Gefängniswelt" handelt und der Mann im Staub ein "berühmter Wissenschaftler" ist. Eine Gefangenenlager-Geschichte also, versetzt in eine Zukunftswelt, ein Abenteuer mit echten Kerlen. Sowas willst du lesen, wenn du ein zehnjähriger Junge bist und dir ein Nachbarjunge zwei Perry-Rhodan-Hefte in die Hand drückt.

Im Innern dann all diese eigenartigen Ausdrücke, die den Text irgendwie auf die höhere Ebene einer Erwachsenenwelt heben, die wir Kinder noch nicht ganz verstehen: Zentralgalaktische Union, Laren, Leticron, Bolither, Überschwere, die Menschen werden "Terraner" genannt (von lat. terra = die Erde), und Perry Rhodan, die Hauptfigur der Serie, wird überhaupt nur am Rande erwähnt: Er hat die Erde verschwinden lassen, um sie vor jenem Leticron in Sicherheit zu bringen. Aber die Geschichte war leidlich spannend, und die Hauptfigur ein cooler Geheimagent, von dem ich noch viele Abenteuer lesen würde: Ronald Tekener, der kühne "galaktische Spieler" mit dem Narbengesicht, war nämlich als Atlans Chefagent die eigentliche Hauptfigur der Perry-Ableger-Serie "Atlan", die ich dann ab 1978 in der 2. Auflage las. "Strafplanet der Eroberer" war tatsächlich sein erster Auftritt in der Perry-Hauptserie.

Autor des Romans war H. G. Francis, das ist Hans Gerhard Franciskowsky aus Hamburg. Wer in den Siebziger Jahren mit deutscher Science Fiction aufwuchs, der las irgendwann zwangsläufig irgendwas von Hans: Mark Powers, Ren Dhark, Rex Corda, oder eben Perry Rhodan. Er schrieb unter einem halben Dutzend Pseudonymen, verfasste Romane aller Genres und auch schon mal ein Buch über Reparatur und Pflege von Mofas. Seine Hörspielserie "Commander Perkins" war eine Art "Perry Rhodan für Kinder".

Ich habe Hans 1981 bei einer Autogrammstunde im Bremer Hauptbahnhof kennen gelernt, zusammen mit dem damaligen Perry-Chefautor Willi Voltz. Habe mit meinem Kassettenrecorder ein Interview mit beiden gemacht, und Hans hat uns Fans zu sich eingeladen. Später haben wir ihn dann tatsächlich in Hamburg-Stellingen besucht und hatten einen tollen Tag in seiner Kellerbar. Es gab Vanilleeis und Musik von Marius Müller-Westernhagen ("Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin"). Daher erinnere ich mich an Hans nicht nur als nimmermüden Autor, sondern vor allem als lustigen und netten Menschen, der sich immer um seine Fans gekümmert hat, mehr als nur die Pflicht verlangte. Im Sommer 2009 erlitt er einen schweren Schlaganfall und ist seitdem halbseitig gelähmt.

Der heutige Perry-Chefredakteur Klaus N. Frick berichtete zuletzt im Juli 2010 von einem Besuch im Pflegeheim: "Als ich das Zimmer betrat, freute sich Hans sichtlich: Er hob die linke Hand und strahlte übers ganze Gesicht. Nach seinem Schlaganfall ist seine rechte Körperhälfte leider gelähmt, und sprechen kann er praktisch auch nicht. Wir haben uns trotzdem einige Minuten lang unterhalten: mit Lachen, Kopfschütteln und Nicken. ... Der Aufwärtstrend ist da, aber schnell geht hier leider nichts."

Ich hoffe, es geht Hans bald besser und wünsche ihm alles Gute. Den Fans und Lesern wird er jedenfalls noch lange im Gedächtnis bleiben, als netter Mensch und als Autor solch toller Abenteuerromane wie "Strafplanet der Eroberer".


Nachtrag, 4. November 2011: Wie die Perry-Rhodan-Redaktion heute mitteilt, ist Hans nach langer Krankheit gestern in Hamburg verstorben. Hast es gut gemacht, Hans. Danke für alles.



Text: (c) Olaf Brill
Veröffentlicht am 15. September 2011
Geändert am 4. November 2011